Sein Homeoffice hat vier Räder.
Letztes Jahr ist er mir schon aufgefallen. Ein Wohnmobil, immer wieder am gleichen Ort in Bad Reichenhall. Dazu ein Mann und seine Hündin Bella.
Dieses Jahr wollte ich es dann wissen.
„Was machst du eigentlich hier?“
Er schaute mich erst einmal etwas verdutzt an.
Verständlich. Es ist vermutlich nicht die Frage, mit der man rechnet, wenn einen ein Fremder neben dem Camper anspricht.
Ich erklärte ihm kurz, was ich mit WolfCamp mache und warum mich Menschen interessieren, die ihren Camper nicht nur für drei Wochen Urlaub im Jahr nutzen.
Und dann begann er zu erzählen.
Nennen wir ihn einfach „ER“.
ER arbeitet für ein Unternehmen im Bereich Cyber Security. Vereinfacht gesagt: Er hackt – allerdings auf der richtigen Seite.
Seine Firma führte während Corona Homeoffice ein. Und ER hatte damals ziemlich schnell eine ganz eigene Vorstellung davon, was „Homeoffice“ für ihn bedeuten könnte.
Er sprach mit seinem Chef darüber, ob er auch aus einem Camper arbeiten dürfe.
Er durfte.
Und aus einer Sonderlösung wurde mit der Zeit sein ganz eigener Lebensrhythmus.
Den Sommer verbringt ER überwiegend in Deutschland, sehr oft hier in Bad Reichenhall. Sein Arbeitsplatz fährt mit: Rechner, Internetverbindung, Camper.
Und natürlich Bella.
Eine Zeit lang stand ER regelmäßig auf einem öffentlichen Parkplatz. So, wie er den Platz nutzte, eigentlich nicht erlaubt.
Irgendwann sprach ihn dort ein Mann an.
ER war zunächst ziemlich verdutzt.
Dann stellte sich der Mann vor. Er war der neue Pächter der Vereinsgaststätte an der Sportanlage.
Was zunächst nach Ärger aussah, endete völlig anders.
Die beiden kamen ins Gespräch – und der Pächter stellte ER kurzerhand einen privaten Platz vor der Sportanlage zur Verfügung.
Genau dort habe ich ihn dieses Jahr wieder gesehen.
Und deshalb war eine meiner ersten Fragen:
„Darfst du jetzt nicht mehr auf dem anderen Parkplatz stehen? Wurdest du vertrieben?“
Nein.
Ganz im Gegenteil.
Er hatte einfach einen Menschen getroffen, der eine bessere Lösung hatte.
Wenn der Sommer langsam zu Ende geht, zieht ER weiter Richtung Portugal.
Auch dort sind über die Jahre aus Bekanntschaften Freunde geworden. Mittlerweile kann er dort auf privatem Grund stehen, die Toiletten benutzen und sogar eine Outdoor-Dusche gehört dazu.
Im Frühjahr geht es dann wieder zurück Richtung Norden.
ER und Bella sind ein bisschen wie Zugvögel.
Portugal im Winter.
Deutschland im Sommer.
Und dazwischen ein ganz normales Angestelltenverhältnis.
Vielleicht ist genau das das Spannende an seiner Geschichte.
ER ist kein Aussteiger.
Er hat seinen Job nicht gekündigt und auch nicht beschlossen, der normalen Arbeitswelt den Rücken zu kehren.
Er hat lediglich eine Möglichkeit genutzt, die ihm sein Arbeitgeber gegeben hat – und daraus ein Leben gebaut, das erstaunlich viel Freiheit zulässt.
Nur eine Sorge hat er.
Dass sein Chef irgendwann sagt:
Homeoffice ist vorbei. Wir wollen euch wieder im Büro sehen.
Bis dahin ziehen ER und Bella weiter.
Im Sommer nach Bad Reichenhall.
Im Herbst Richtung Portugal.
Manchmal braucht Freiheit eben keine Kündigung. Nur einen Chef, der sie zulässt.